735 Jahre Milizsystem. Ein Geschäftsmodell

Die Kuh, die auf die Alpen schaut. Symbolik pur für viele Schweizer.
Die Schweiz wird gerne belächelt für ihr Milizsystem. Ein Richter, der nebenbei Wein anbaut. Ein Offizier, der zwischen zwei WKs eine Bäckerei führt. Ein Gemeindepräsident, der abends nach dem Bürojob über Traktanden brütet. «Nette kleine Hobby-Demokratie», hört man dann aus grösseren Ländern heraus. Niedlich, aber nicht ernst zu nehmen.
Ich habe eine steile These: Das Milizsystem ist nicht die Ausnahme von echter Professionalität. Es ist eine ältere, robustere Form davon. Ich habe selbst gerade das Gegenteil einer klassischen Festanstellung gewählt. Nicht, weil mir das Sitzfleisch für eine 100%-Stelle fehlt. Sondern weil der Wert genau dort liegt, wo die Festanstellung ihn systematisch verhindert: im Aussenblick. Im Vergleich. Im Muster, das ich letzte Woche in einer ganz anderen Branche gesehen habe und das jetzt hier plötzlich Sinn ergibt.
Ein Berufsrichter kennt sein Fachgebiet auswendig – und manchmal nur das. Ein Milizrichter urteilt mit beiden Füssen im echten Leben. Beides hat seinen Platz. Aber zu behaupten, nur die Vollzeit-Variante sei die «richtige», ist Bequemlichkeit, die sich als Standard tarnt.Übersetzt in meine Welt: Ein CCO à discretion, der zwischen Mandaten wechselt, ist kein Kompromiss gegenüber einer «echten» Festanstellung.
Er ist die ältere, bewährtere Idee, nur mit einem neuen Namen. Die Schweiz hat sie nur nie Interim Management genannt – sie hat sie Milizsystem genannt und einfach 700 Jahre damit gelebt.Am 1. August feiert dieses Land nicht nur seine Unabhängigkeit. Es feiert unabsichtlich auch die Idee, dass man nicht Vollzeit-irgendwas sein muss, um richtig gut zu sein.
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